Vereinsabend One-Shots: System-Dilemma

  • Im Anschluss an die Diskussion gestern (auf der GV) über spontanes Mitspielen bei One-Shots an offenen Vereinsabenden, möchte ich einmal meine Gedanken dazu darlegen.

    Und zwar spezifisch einmal zu einem Thema, nämlich zum (primär) dafür zu nutzenden Spielsystem. Für andere Dinge, die mit dem doch sehr breiten Thema zusammenhängen, sollte man wohl der Übersicht halber eigene Threads eröffnen.


    Ich gehe hier von der Annahme aus, dass diese One-Shots sowohl für Neuzugänge als auch für Alteingesessene einladend sein sollten.

    Daraus ergibt sich aber schon eine ziemliche Einschränkung bezüglich des Systems: Gefühlt zwei Drittel der Neuzugänge fragen derzeit dezitiert nach D&D 5e. Falls wir also Neuzugänge möglichst gut ansprechen wollen - viele kamen zuletzt auch zum Ausprobieren vor eventuellen eigenen Runden, und haben sich oft schon einiges zu D&D 5e angesehen - führt also fast kein Weg an diesem System vorbei.


    Daraus ergeben sich allerdings einige Probleme für Alteingesessene, weil D&D 5e für das angedachte Format ein ziemlich unpassendes System ist. Der wichtigste Punkt zuerst:

    • Die Unterschiede in Kampfkraft und magischer Problemlösungsfähigkeit sind bis Stufe 5 extrem (danach flacht es ziemlich ab).
    • Viele Alteingesessene wollen aber im Laufe des Spiels ihren Charakter weiterentwickeln. Und bei D&D denkt man da natürlich primär ans Level. Theoretisch gäbe es auch diverse andere Progressionsmethoden (Ruf, Kontakte, Geld, magische Gegenstände), aber ich gehe nicht davon aus, dass man potenzielle Mitspieler von einem "Einfrieren" der Stufe überzeugen könnte.
    • D&D 5e hat keinen besonders schnellen Charakterbau, und auf höheren Stufen wird das noch deutlich langsamer. Vor allem, was Zauberauswahl angeht (und die Mehrzahl der Klassen sind hier betroffen).

    Daraus würde ich einmal folgende Schlüsse ziehen: Um Aufleveln möglich zu machen, aber allzu massive Macht-Unterschiede am Spieltisch zu vermeiden (bei denen manche Charaktere völlig unnötig für die Gruppe werden), muss man fast notwendigerweise auf (zumindest) Stufe 5 anfangen. Das ist zwar für Neuzugänge mühsam (sehr viele Fähigkeiten und spielmechanische Möglichkeiten, die man von Null weg im Kopf haben muss, was wiederum keinen Platz im Kopf mehr für Out-of-the-box-Denken läßt, was ich eigentlich als attraktive und große Stärke des Pen & Paper sehen würde), aber für die Beteiligung von Alteingesessenen kaum verzichtbar.

    Für Spontan-Mitspieler müsste man dann wohl "Pregens" (vorgefertigte Charaktere) bereit stellen, bei denen man auf leichte Spielbarkeit trotz der höheren Stufe und brauchbarer Effektivität auch mit höherstufigen Kollegen achten sollte ("löst jedes Problem mit Feuerball" etc.). Diese Pregens sind dann entweder explizit nicht als exklusiver, persönlicher Charakter übernehmbar (und würden dann auch keine Progression haben, sondern für jeden Abend "zurückgesetzt"), oder wir müssen halt regelmäßig neue Pregens bauen (was dann angesichts beschränkter Möglichkeiten zur "Einfachheit plus Effektivität" bei gleichzeitigem Vermeiden von Klonen der "adoptierten" früheren Pregens mühsam wird). Ich würde zu Variante 1 tendieren (die meisten Spieler bauen sowieso lieber ihren eigenen Charakter, wenn sie mehrmals mitspielen).


    Das zweitgrößte Problem von D&D 5e in dem Zusammenhang sehe ich bei einer Kombination aus eher langsam abzuwickelnden Kämpfen (einer kann leicht einen halben Spielabend dauern) und einer Spielbalance, die darauf ausgelegt ist, dass im Durchschnitt 6 Encounter, davon die Mehrzahl in Form von Kämpfen, zwischen Long Rests absolviert werden.

    Nachdem das bei One-Shots schlicht nicht machbar ist, heißt das, dass alle Klassen, die auf starke Long-Rest-Recharge-Features setzen, einfach viel stärker sind, als Klassen, die viele schwächere Short-Rest-Recharge-Features haben. Sowas wie ein Warlock ist da gegenüber einer "Nova"-Klasse (massiv viel starkes Zeug in kurzer Zeit raushaubar) wie Sorcerer oder Wizard einfach massiv im Nachteil.

    Zusätzlich werden Magie-Klassen in einem One-Shot mit ihrem "ich löse das Problem ganz einfach mit einem Zauber"-Ansatz gegenüber den weniger bis gar nicht magischen Klassen gestärkt, weil sie nicht befürchten müssen, dass ihnen der eingesetzte Spell Slot für das (für mich persönlich sowieso langweilig unkreative) Problem-Wegzaubern später abgehen könnte.

    Weil wenn man am Abend nur einen Kampf machen möchte, damit man sonst drum herum noch zu etwas Spiel kommt, und man bei Stufe 5 anfängt, ist es fast nicht mehr möglich, dass einem Voll-Zauberer die Spell Slots (9 ohne Arcane Recovery, Sorcery Points etc.) ausgehen, selbst wenn er sie bei jeder Gegelgenheit rauspfeffert.

    Dafür habe ich auch keine passende Lösung, aber die ist bei D&D 5e wohl auch gar nicht vorgesehen. Wenn man eine nicht-magische Klasse spielt, muss man dann einfach damit rechnen, in den meisten Belangen die zweite Geige zu spielen. Und z.B. als Fighter kaum zum fighten zu kommen, weil sich dann maximal der Sorcerer beschwert, dass man ihm in die Fireball Area reinläuft, bevor er alles wegbölzt. Ist halt so.


    Zuletzt noch ein Plus-Punkt für D&D 5e, um nicht zu einseitig negativ zu sein: Auch viele Alteingesessene können mit D&D zumindest leben, während andere Systeme (oder dazu gehörige Settings) deutlich umstrittener sind. Und es gäbe schon einige potenzielle SLs, die das System gut kennen.


    Soweit meine grundlegende Sichtweise und meine Vorschläge zum Thema. Ich bitte um Senf dazu.

    Einmal editiert, zuletzt von Smirg ()

  • Persönliche Meinung von mir: Ich bin immer noch der Meinung, dass wir nicht *unbedingt* D&D5 anbieten müssen. Wenn Neulinge direkt danach fragen (was häufig ist, ja), kann man entsprechende Runden organisieren, aber ich denke wir sollten hier auch nicht das falsche Bild vermitteln, dass D&D5 bei uns häufiger gespielt wird als es tatsächlich der Fall ist. Wenn ein Neuling auch mit anderen Systemen als D&D5 zumindest mal am Ausprobieren interessiert ist (was meiner Erfahrung nach auch häufig der Fall ist), dann muss D&D5 nicht unbedingt das *erste* System sein, das wir präsentieren. Und wenn ein Neuling *nicht* an anderen Systemen als D&D5 interessiert ist, dann stellt sich für mich die Frage, ob dieser Neuling bei uns überhaupt richtig ist.

    ❓🔨⬇🍄

  • Ist halt auch die Frage, was wir Neulingen bieten wollen.

    Natürlich wäre es am besten, neue Mitglieder zu bekommen.

    Aber manche wollen auch nur mal den Verein anschauen, weil sie überlegen, ihn als Ort für eine eigene Runde zu verwenden.

    Und grundsätzlich hatten wir ja auch die Verbreitung des Hobbys mal als einen unsere Vereinszwecke festgelegt. Ich weiß nicht, ob das noch gilt, aber mir persönlich ist es schon noch ein Anliegen. Also würde ich auch Leute bedienen, die das nur mal mit Kennern probieren wollen, aber eher darauf abzielen, das privat weiter zu betreiben.


    Und ich sage auch nicht, dass D&D 5e das einzige System für solche One-Shots sein müsste. Aber ich denke, es sollte zumindest auch dabei sein (auch wenn ich es persönlich nicht so mag).

    DSA 4 ist ja auch ein heißer Kandidat, weil da zumindest schon 2 SLs gelegentlich Runden anbieten (auch wenn ich nicht weiß, ob da schon Charaktere hin- und hergetauscht wurden). Aber das spricht Neulinge mittlerweile wohl weniger an, weil heutzutage selbst hierzulande scheinbar kaum jemand davon gehört hat, der noch nicht bereits im Hobb aktiv ist. (Und selbst wenn, haben sie wohl eher DSA 5 gesehen oder daheim als das 4er, und es ist vermutlich leichter, DSA 5 Zeug zu bekommen, als 4er.)

    Weshalb ich für Neulinge eher D&D 5 ins Auge fassen würde.

    (Und ich persönlich leite DSA noch wengier gerne als D&D, und ich wäre wohl doch einer der SLs, die vielleicht öfter solche One-Shots anbieten würden.)

  • Ich habe im letztes Jahr mit GURPS schon einige Leute ins Lokal bekommen. GURPS!
    Ja, DnD ist gefragt, aber die meisten wissen es auch gar nicht besser. Alternativen kommen aber auch an. Ich denke es muss beides gehen. Bekannte Systeme und weniger bekannte. Vielleicht ist es ein wenig unterschiedliches Publikum, aber das ist ja auch gut. MMn müssen es nach außen hin besser vermitteln, was die Vereinsabende sind und das sich da was tut.